Johann Sebastian Bach
Bach - Ratswahl-Kantate (BWV 29)

Entstehung

Zu Bachs Pflichten in seiner Leipziger Zeit gehörte jedes Jahr die Aufführung einer Festkantate, mit der dem jährlichen Ratswechsel (ein gesellschaftlich-politisch hochrangiges Ereignis) ein angemessener Rahmen verliehen wurde. Immerhin neun solcher Ratswahlkantaten sind heute noch überliefert.

Die Kantate "Wir danken dir, Gott, wir danken dir" (BWV 29), die am 3. Februar in der Herborner Stadtkirche aufgeführt wird, war Bachs Festmusik für das Jahr 1731 (spätere Wiederaufführungen folgten). Ihren Festcharakter erhält sie nicht zuletzt durch den um drei Trompeten, aber auch Pauken und Oboen erweiterten Orchesterapparat.
Der unbekannte Textdichter folgte in seinem (teilweise der Bibel entlehnten) Libretto einem bewährten Schema: Der Dank für erwiesene Wohltaten wird mit der Bitte um künftigen Segen verknüpft. Sehr subtil ermöglicht er es den geneigten Hörern, dabei auch durchaus an weltliche Herren zu denken.


Sätze

Den virtuosen Orgel-Solo-Part des einleitenden Orchestersatzes (Sinfonia), den in Herborn Kantorin Regina Zimmermann-Emde spielen wird, entnahm Bach aus seiner E-dur-Suite für Solovioline (BWV 1006). Solche Anleihen bei sich selbst waren keine Seltenheit (den Eingangschor z.B. übernahm er in die h-moll-Messe). Sicher sind sie seinem unkomplizierten Umgang mit dem eigenen Werk und auch der Tatsache zu danken, dass dem Komponisten oft nur wenig Zeit für die Komposition größerer Werke blieb. Mit Gewissheit kann man aber sagen, dass er nur übernahm, was auch passte.

Der zweite Satz für Chor und Orchester zeigt eine interessante, archaisch wirkende Kanon-Fugen-Technik zu dem Text "Wir danken dir, Gott, wir danken dir und verkündigen deine Wunder". Das Orchester stützt dabei anfangs vorwiegend die Chorstimmen, weitet gegen Ende aber den Klang durch selbständige Themeneinsätze der Trompeten bis zu einer echten Achtstimmigkeit aus.

Satz 3, eine Dacapo-Arie für Solo-Tenor, entwickelt sich mit Solovioline und Continuo als kunstvoller Triosatz, dessen ständige Bewegung dem Text ("Halleluja, Stärk und Macht sei des Allerhöchsten Namen. Zion ist noch seine Stadt, da er seine Wohnung hat, da er noch bei unserm Samen an der Väter Bund gedacht.") jubelnde Qualität verleiht.

Das folgende Secco-Rezitativ (Nr.4) lässt in ruhiger Zuversicht einen gnädigen, schützenden Gott erkennen, wenn der Bassist (eine Stimme, die besondere Autorität vermittelt - obliegen ihr doch oft die Christusworte) singt: "Gottlob! es geht uns wohl! Gott ist noch unsre Zuversicht, sein Schutz, sein Trost, sein Licht beschirmt die Stadt und die Paläste, sein Flügel hält die Mauern feste. Er lässt uns allerorten segnen, der Treue, die den Frieden küsst, muß für und für Gerechtigkeit begegnen. Wo ist ein solches Volk wie wir, dem Gott so nah und gnädig ist?"

Die Sopran-Arie des 5. Satzes ist ein fein schwingender Siziliano, der die Worte "Gedenk an uns mit deiner Liebe, schleuß uns in dein Erbarmen ein." anmutig ausmalt.

Das mit Nr.6 folgende Alt-Rezitativ ("Vergiß es ferner nicht, mit seiner Hand uns Gutes zu erweisen; so soll dich unsre Stadt und unser Land, das deiner Ehre voll, mit Opfern und mit Danken preisen.") geht unmittelbar in eine tiefer transponierte Fassung der Nr.3 über. Wobei es hier für die Altistin bei den Worten "Halleluja, Stärk und Macht sei des Allerhöchstem Namen" (Nr.7) bleibt.

Der Schluss-Choral (Nr.8) ist ein festlicher, vom ganzen Orchester begleiteter Lobgesang, der auf EG 289 (Nun lob, mein Seel, den Herren) zurückgreift.


Symmetrie

Vergleicht man Tonarten, Taktarten und Besetzung der Kantensätze, so ergibt sich eine interessante Symmetrie, deren Achse Satz 5 ist:
Die Sopran-Arie steht als einzige im 6/8-Takt und in einer Molltonart (h-moll), die allerdings im Bass-Rezitativ zuvor vorbereitet wurde. Sie ist von zwei Secco-Rezitativen umgeben (Nr. 4 und 6), die im 4/4-Takt stehen. Deren Umgebung wiederum sind die beiden tonartlich so eng verknüpften Arien für Tenor, bzw. Alt (Nr. 3 und 7), beide alla breve. Gehen wir noch einen Schritt weiter von der Symmetrieachse weg, stehen dort die beiden Ecksätze für den Chor (Nr.2 und 8), beide in D-dur.

1. Satz
Sinfonia
D-dur
3/4-Takt
  2. Satz
Chor
D-dur
alla breve
  3. Satz
Tenor-Arie
A-dur
alla breve
  4. Satz
Bass-Rezitativ
h-moll
4/4-Takt
  5. Satz
Sopran-Arie
h-moll
6/8-Takt
  6. Satz
Alt-Rezitativ
D-dur
4/4-Takt
  7. Satz
Alt-Arie
D-dur
alla breve
  8. Satz
Choral
D-dur
3/4-Takt



Herborner Aufführung:

Am 3. Februar erklingt Bachs Kantate Nr. 29, "Wir danken dir, Gott, wir danken dir" im Gottesdienst und eröffnet damit das Festjahr 125 Jahre Herborner Kantorei.
Der Gottesdienst in der evangelischen Stadtkirche beginnt um 10 Uhr.

Ausführende:

Herborner Kantorei

Mona Debus, Sopran
Christa Löffler, Alt
Michael Mey, Tenor
Jakob Will, Bass

Ein Kammerorchester
Leitung: Regina Zimmermann-Emde





Mona Debus


Zum Weiterlesen:

www.bach-cantatas.com/Guide/BWV29-Guide.htm

www.erbacher-hof.de/texte/bach_in_leipzig

Klavierauszug, Edition Breitkopf 7029